Die Band Tocotronic hat einst über die angeblich so liberale Stadt Freiburg im Breisgau, in der in Wahrheit ein von Radfahrern, vor allem von Liegeradfahrern errichtetes totalitäres Regime herrscht und in der selbst die besten Autos (Porsche) von Radlern (Jan Ullrich) zu Schrott gefahren werden, völlig zu Recht getextet: „Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt.“ Eine Antwort darauf gab diese Woche Bundesverkehrsminister Ramsauer in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: Er habe (vermutlich vom Fond seines Dienstwagens aus) beobachtet, wie Radler selbst unter den Augen von Polizisten rote Ampeln und jede Verkehrsregel missachteten. Die Polizei sei manchmal einfach überfordert, „der Verrohung dieser Kampfradler endlich Einhalt zu gebieten“.
Im Windschatten Ramsauers fügte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei hinzu: „Die Missachtung von Verkehrsregeln unter Radfahrern ist inflationär, an keine Altersgruppe oder soziale Schichtung gebunden. Anzugträger ignorieren rote Ampeln ebenso wie Kinder, junge Mütter, Jugendliche und auch ältere Menschen.“
Tatsächlich geht es auf Deutschlands Straßen ganz schlimm zu. Mit ihren waffenfähigen Rennmaschinen üben Gruppen von hochgedopten Radlern auf Autobahnen den belgischen Kreisel. Auf Hauptverkehrsstraßen wie auch in Fußgängerzonen werden Attacken geritten, Sprints angezogen, Ausreißversuche unternommen oder Löcher zugefahren. Und derjenige, der morgens als erster den Arbeitsplatz erreicht, nimmt dann auch noch beide Hände vom längst verbotenen Cinelli-Spinaci-Lenkeraufsatz, um die Krawatte fürs Zielfoto zurechtzumachen.
Was ist gegen die außer Kontrolle geratenen Radler und Räder zu tun? Radler trinken? Rädern? Oder zumindest hin und wieder ein Rad schlagen? Wenn es nach Hans Magnus Enzensberger geht, wäre das alles falsch. In irgendeinem seiner Essays hat er einmal beschrieben, dass der Straßenverkehr ohne anarchisches Element zusammenbrechen würde, dass also bei strikter Beachtung aller Regeln und Verordnungen überhaupt nichts mehr gehen würde. Gerade Ramsauer müsste das eigentlich wissen, schließlich leitet er ein Ministerium.<<
Timo Frasch, "Fraktur, die Sprachglosse: Kampfradler", faz.net 14. April 2012.
Herrlich. Endlich reagiert mal jemand auf eine völlige Absurdität mit genau der hyperbolischen Herablassung, die jener Absurdität angemessen ist.
Wenn es doch nur jemand bei GG auch getan hätte.
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